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Was macht die Kunst?

Pandemie, Digitalisierung, Globalisierung – auch die Kunstwelt befindet sich in einem stetigen Wandel. Was sind die neuen Strömungen? Und was der Auftrag der Kunst in der der heutigen Gesellschaft? Unser Experte Hidde van Seggelen, Vorstandsvorsitzender der Stiftung und Kunstmesse TEFAF, setzt uns ins Bild.

© TEFAF


Interview: Bettina Krause


stilwerk: Herr van Seggelen, was macht die TEFAF so besonders?

Hidde van Seggelen: TEFAF steht für „The European Fine Art Fair“. Wir sind eine Stiftung und wurden 1988 als ein Zusammenschluss von Kunsthändler*innen gegründet, die damals gemeinsam eine Messe in Maastricht veranstaltet haben. Bis heute kommen auf der Messe Kunsthändler*innen aus ganz Europa zusammen, aber auch aus New York. Die Veranstaltung organisieren die teilnehmenden Galerien selbst. Besonders ist, dass sowohl alte Meister, antike Möbel, Skulpturen, chinesische Kunst, und afrikanische Kunst, aber auch zeitgenössische Werke gezeigt werden. Auf keiner anderen Messe der Welt kommen rund 7000 Jahre Kunstgeschichte zusammen!



stilwerk: Doch sie tun noch mehr für die Kunst, nicht wahr?

HvS.: Ja, wir unterstützen darüber hinaus die Forschung ebenso wie die Restaurierung von Museums-Objekten. Es ist wesentlich, dass gerade junge Menschen den historischen und gesellschaftlichen Wert der Kunst kennenlernen und verstehen – dafür muss sie in einem guten Zustand bewahrt werden.



stilwerk: Welche Veränderungen und Trends beobachten Sie derzeit in der Kunstwelt?

HvS.: Wir erleben seit vielen Jahren eine Liberalisierung der Kapitalmärkte, zum anderen verbreitet sich ein großes Wissen über die Kunst auf der ganzen Welt. Das hängt auch mit der Zugänglichkeit von Informationen zusammen. Wir beobachten bei Sammlern zunehmend das Cross-Collecting – sie interessieren sich also für verschiedene Perioden und Disziplinen. Zudem wurden in den letzten 20 Jahren weltweit unzählige Museen neu gegründet, das ist eine riesige Entwicklung. Menschen wollen ihr Wissen über und durch die Kunstgeschichte vertiefen. Da sind das Internet und die Digitalisierung sehr hilfreich. Was die Digitalisierung aber nicht bietet, ist das unvergleichliche Gefühl, ein Objekt in der Hand zu halten. Darum denke ich, dass Messen weiterhin unfassbar wichtig sind.


stilwerk: Wie beurteilen Sie die Digitalisierung der Kunst, inklusive NFTs?

HvS.: Ich sehe da Parallelen zur Entwicklung des Buchdrucks. Plötzlich konnten sich Informationen viel schneller verbreiten als zuvor, Menschen konnten ihre Meinung öffentlich machen und streuen – genauso wie heute in der digitalen Welt. NFTs und digitale Kunst brauchen jedoch eine qualitative Einordnung, ob sie relevant sind. Das können wir heute oft noch nicht wissen, sondern erst in der Retrospektive beurteilen.


stilwerk: Können Kunstwerke uns helfen, die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen?

HvS.: Alle Künste, auch die Literatur, die Architektur, Mode oder Musik werden in der Gesellschaft immer eine wichtige Rolle spielen. Wir stehen jetzt natürlich vor gewaltigen Aufgaben und brauchen auch in der Kunst das Beste vom Besten. Wir müssen sehr drastische Lösungen für unsere Welt finden, und es wird immer Kunst geben, die sich damit auseinandersetzt. Aber wie genau die Zukunft aussieht, weiß ich natürlich auch nicht.



stilwerk: Welchen Einfluss hat die Kunst auf die Gesellschaft?

HvS.: Sie hat einen riesigen Einfluss, das hatte sie immer. Das sehen wir auch aktuell im Krieg gegen die Ukraine. Kulturgüter und Museen sind essenziell für die Identität eines Landes. Menschen brauchen so etwas wie Identität. Zudem ist Kunst auch eine Form von Freiheit.



stilwerk: Welche Werke begeistert Sie persönlich am meisten?

HvS.: Mich begeistert ein Kunstwerk, wenn ich das Gefühl habe, dass ich mehr darüber erfahren möchte. Ich bin immer neugierig, was dahinter steckt – bei zeitgenössischer Kunst genauso wie bei 2000 Jahre alten Objekten. Mich interessiert die Geschichte dahinter, das Verhältnis vom Künstler zur Gesellschaft und zu seiner oder ihrer Zeit, der Kontext also. Kleine Arbeiten auf Papier können dann genauso interessant sein wie ein riesiges Ölgemälde. Ich bin sicher, dass es immer Menschen geben wird, die den Drang haben, Kunst zu schaffen. Die einfach etwas schaffen müssen, das andere Menschen begeistert.



Das Interview führte Bettina Krause im Rahmen unseres Magazins "ReFraming", das im Herbst 2022 erschienen ist.




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