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Kein nettes Hobby für nette Mädchen

Die Geschichte des Bauhauses ist eine Geschichte der Männer. Sie hatten an der legendären Kunstschule nicht nur das Sagen, sondern drängten Studentinnen systematisch ins Abseits. Höchste Zeit also, sie anders zu erzählen - und zu zeigen, dass die Bauhaus-Frauen alles andere als Randfiguren waren.


Keine Lust auf brave Hausarbeit: Marianne Brandt und Kommilitoninnen © Bauhaus-Archiv Berlin


Text: Manuel Almeida Vergara


Vergessen, übersehen, unterschätzt – lange Zeit passte das zu Anni Albers und ihren prägnant gemusterten Geweben. Genauso passte das zu Marguerite Friedlaender und ihren schlichten Teeservice und zu Gunta Stölz und ihren abstrakten Wandteppichen. Es passte zu der Spielzeugdesignerin Alma Siedhoff- Buscher, der Fotografin Gertrud Arndt, der Bildhauerin Ilse Fehling. Denn die nur 14 Jahre währende Geschichte der in Weimar gegründeten und in Dessau zu internationalem Ansehen gelangten Kunstschule ist nicht nur eine Geschichte des avantgardistischen Konzepts, der Vereinbarkeit von Kunst und Kunsthandwerk, der Freundschaft beider Gattungen. Die Geschichte des Bauhauses ist auch eine Geschichte der Männer.


Zumindest waren sie selbst davon überzeugt, die Männer, die Lehrenden und Studenten um Schulgründer Walter Gropius. „In diesem Sinne war das Bauhaus kein Vorbild“, sagt Uta Brandes. Die emeritierte Professorin lehrte „Gender und Design“ an der Köln International School of Design, setzt sich heute als Mitbegründerin des International Gender Design Networks für geschlechter­sensible Gestaltung und eine gerechte Rollenverteilung in der Branche ein. Ihre Stimme wird ein bisschen spitz, als sie Gropius’ Programm zur Schulgründung 1919 verliest: „Als Lehrling aufgenom­men wird jede unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, deren Begabung und Fortbildung vom Meisterrat als ausreichend erachtet wird.“ Überrascht und schockiert, vielleicht ein bisschen beleidigt sei der Architekt Walter Gropius dann gewesen, als sich viele Frauen auf die Studienplätze bewarben, schließlich im ersten Jahrgang sogar mehr Frauen als Männer studierten. Wenig spä­ter habe es dann geheißen, man brauche „eine scharfe Aussonderung gleich nach der Aufnahme, vor allem bei dem Zahlen nach zu stark vertretenen weiblichen Geschlecht“, liest Brandes vor. „Und wenn die dann schon da waren, dann sollten sie wenigstens das machen, was Frauen sowieso schon konnten“, ergänzt sie in ei­genen Worten. „Häkeln, stricken, sticken, hegen und pflegen.“


Es ist bekannt, dass den weiblichen Studentinnen am Bauhaus früh nahegelegt wurde, sich den Weberei- und Keramik- Klassen zu widmen. Sie wurden gedrängt, heißt es sogar. Noch galt die Annahme – selbst am progressiven Bauhaus –, Frauen seien für zartere, einfachere Aufgaben besser geschaffen als für die Arbeit an Metall oder Staffelei. Umso bemerkens­werter, dass die Frauen in eben diesen Klassen dann Herausragendes leisteten. „Letztlich war es die Textilwerkstatt, die der Schule am meisten Geld eingespielt hat“, sagt Kuratorin Müller-Schareck. „In Dessau haben die Frauen immer mehr Kooperationen mit der Industrie ange­schoben, haben Messen bestückt und für große Firmen Entwürfe gemacht.“


Sie haben erdacht und produziert – nicht nur dekorative Wandbehänge mit hübschen Mustern, sondern echte textile Innovationen. Anni Albers etwa hat für ihre Abschlussarbeit 1929/30 ein schall­schluckendes Gewebe erfunden, wurde sodann Nachfolgerin von Gunta Stölz als Leiterin der Werkstatt. „Auch Anni Albers hat später in Interviews gesagt, dass sie in diese Richtung geschoben wurde“, sagt Müller-Schareck. „Aber es ist doch gerade beeindruckend zu sehen, was die Frauen dann aus ihrer Situation gemacht haben.“


Bei Marianne Brandt war das anders. Sie hatte sich bis zu den harten Formen durchgekämpft. „Zuerst wurde ich nicht freudig aufgenommen. Eine Frau ge­hört nicht in die Metallwerkstatt, war die Meinung“, schrieb sie später in ihrem „Brief an die junge Generation“. Doch mit verstellbaren Nachttischlampen, die unter dem Markennamen „Kandem“ vertrieben wurden, schuf sie schon 1926 eines der kommerziell erfolgreichsten Produkte der ganzen Bauhaus-Geschichte.



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Und trotzdem: Das Interesse an den Bauhäuslerinnen und ihren mannigfalti­gen Werken wurde erst zum Ende des 20. Jahrhunderts hin größer. Heute stehen sie mehr im Fokus denn je: „Sie alle eint eine Suche nach dem Zeitlosen, dem Zeitüberdauernden“, sagt Kuratorin Maria Müller-Schareck. „Und der abso­lute Wille, etwas zu gestalten, in die Welt zu bringen, was nicht schreiend ist, was nicht Aufmerksamkeit heischt, sondern eine stille Kraft entwickelt.“


Höchste Zeit also, die Bauhaus- Geschichte anders zu erzählen, die Arbeiten der Bauhaus-Frauen, der Weberinnen und Keramikerinnen allen voran, anders zu betrachten. Als funkti­onal, innovativ und wertvoll – und nur darüber hinaus als dekorativ, ästhetisch und wohlgefällig. Eben nicht bloß als nettes Hobby für nette Mädchen. „Die Weberei zum Beispiel ist ein hochkom­plexes und herausforderndes Verfahren, das nichts zu tun hat mit den kleinen handwerklichen Näharbeiten, die Frauen im 19. Jahrhundert gemacht haben, weil sie nichts anderes machen durften“, sagt Uta Brandes. Sie holt nochmal ihre Zitate raus, diesmal eines von Oskar Schlemmer, dem vielseitigen Künstler und Leiter der Wandbildmalerei- Werkstatt: „Wo Wonne ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib“, liest sie vor. Und ihre Stimme wird ein bisschen spitz dabei.


Der Artikel von Manuel Almeida Vergara ist im stilwerk Magazin 02/2019 "Anders" erschienen.


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