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  • Die korken nicht

    Gesund wollen wir wohnen, unseren ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich halten. Da müssen Möbel nicht nur clever im Design, sondern auch ethisch korrekt und umweltverträglich sein. Hocker oder Beistelltisch aus Kork: Cork Family von Vitra. Text von Tanja Müller. Nachhaltigkeit und Klimaschutz zählen heute zu den wichtigsten Schlagworten. Und so richten wir unser Zuhause bewusster denn je ein – mit wohngesunden Möbeln, gut für uns, gut für den Planeten. Genuss ohne Reue: Dieser Ansatz unterscheidet die neuen Öko-Fashionistas von den Müslis der 80er-Jahre. Statt wie einst Verzicht zu üben, wird nun eben umweltverträglich konsumiert. Es ist die Bewegung einer neuen Generation, die sich nicht mehr nur mit sich selbst, sondern auch mit den globalen Bedingungen beschäftigt.   Das Comeback der Manufakturen Der Markt reagiert darauf, etwa mit dem Konzept „Think global, act local“. Immer mehr Unternehmen bestehen international mit heimischer Wertarbeit, agieren dabei umweltbewusst, verantwortungsvoll und nachhaltig. Gerade Manufakturen erleben in diesem Kontext ein Comeback. Schließlich dient besonders der handwerkliche Charakter eines Möbels als Nachweis für seine Langlebigkeit.   Das Qualitätsbewusstsein steigt parallel zur aktuellen Auseinandersetzung mit der jahrzehntelang betriebenen Wegwerf-Mentalität. Frei nach Mies van der Rohes Statement „Less is more“ gehen wir heute lieber mit wenigen, dafür hochwertigen Möbeln eine langfristige Verbindung ein. Klassiker und solche, die das Zeug dazu haben, stehen dementsprechend hoch im Kurs. Eben zeitlos schöne Stücke, die viele Jahre in Gebrauch bleiben – nicht selten sogar über Generationen hinweg.   Eine Frage der Herkunft Solche Produkte haben jedoch ihren Preis. Schließlich werden sie konzeptionell entwickelt, mit ausgesuchten Materialien auf hohem Fertigungsniveau hergestellt und auf ihre Gebrauchsdauer getestet. Idealerweise lassen sich ihre Einzelteile im Reparaturfall austauschen. Etliche Möbelmacher produzieren sie in ihrer Region – eine Antwort auf Billiglöhne und katastrophale Arbeitsbedingungen in vielen Herstellerländern. Darüber hinaus verwenden die Unternehmen verstärkt Werkstoffe und Zulieferteile, die im Einklang mit der Umwelt hergestellt werden. Die Frage der Herkunft gewinnt enorm an Bedeutung.   Material muss ehrlich sein Da sich die Materialien über ihre Nachhaltigkeit definieren, erfahren natürliche Werkstoffe eine Wiederbelebung. Allen voran der Rohstoff Holz – am besten aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Er wird geölt, gewachst oder lasiert, um seine Originalität zu bewahren. Materialehrlichkeit ist ein Muss. Echtholzoberflächen kommen glatt und geschmeidig daher, sie schaffen Wärme und Behaglichkeit in einer kühlen Zeit.   Leder kommt griffig und nach einer Zeit mit Patina daher. Textilien zeigen Struktur dank Web-Techniken oder eben der haptischen Eigenarten der Naturfasergarne Wolle, Leinen oder Baumwolle. Nie war die Haptik von so großer Bedeutung, da sie dem Design einen Charakter von Echtheit und Authentizität verleiht. Sein ökologisches Plus holt auch den Traditionsstoff Filz aus der Versenkung. Vereint er doch all das, was ein zeitgemäßer Werkstoff heute bieten muss: Er lässt sich leicht und ökonomisch verarbeiten und ist dazu noch vollständig biologisch abbaubar, da er aus nachwachsenden Rohstoffen besteht. Befreit vom muffigen Image kommt er in frischen Farben daher und kleidet Sofas, Teppiche oder Accessoires gleichermaßen stylisch und strapazierfähig.   Eine Dreamteam: Hightech und Tradition Klar, dass auch Recycling eine große Rolle spielt, Designer wie auch Hersteller auf wiederverwertete Materialien setzen. Am besten bleiben die Werkstoffe in einem Kreislauf. Cradle to cradle  nennt das die Fachwelt – von der Wiege zur Wiege. Denn alle Produkte und Prozesse dienen immer auch als Ressource für etwas Neues, eine zweite Verwendung im neuen Gewand. Designer sollten also schon beim Entwurf bedenken, dass sich alle Werkstoffe leicht voneinander trennen lassen.   Und dennoch brauchen wir uns nicht nur auf Naturstoffe wie Holz, Leder oder Filz beschränken, wenn wir mit gutem Gefühl gesund wohnen wollen. Recycelte, aber auch neue, innovative Stoffe sind gefragt, wenn sie den nachhaltigen Ansatz glaubhaft vermitteln. Neo-Ökologie und Moderne widersprechen sich nicht länger, Tradition und Hightech werden zu Verbündeten. Konsumieren mit reinem Gewissen reift zu einer langfristigen Beziehung.  Polstermöbler und Architekten lieben sie – Kvadrat, die dänische Design-Textilschmiede. Das mag an der Qualität und an den raffinierten Texturen ihrer Produkte liegen. Stylistin Sania Pell mixte hier Margrethe Odgaards „Re-wool“ aus 45 Prozent recycelter Wolle mit Patricia Urquiolas Schurwollstoff „Hero“ und dem Kammgarntuch „Glow“ aus Kvadrats Portfolio. Der legendäre „Componibili“-Container entsteht als erstes Möbel der Kult-Kunststoff-Macher Kartell aus Bio-on, einem zu 100 Prozent natürlichen und abbaubaren Bio-Kunststoff. Damit nicht genug: Nach Anna Castelli Ferreris Design-Ikone von 1968 fertigen die Italiener jetzt auch Philippe Starcks „A.I.“-Stuhl aus Recyclingware. Erhältlich bei WohnArt im stilwerk Hamburg. Einen wallenden Vorhang aus massivem Holz schnitzte das Designerpaar Julia Läufer und Marcus Keichel mit „Curtain“ für Zeitraum. Der Tisch auf ungewöhnlichem Fuß erscheint wie eine flüchtige Momentaufnahme, in der die Zeit innehält. Das bayerische Label eint bereits seit seiner Gründung vor 30 Jahren Qualität, Design und Nachhaltigkeit. Erhältlich bei BettundRaum im stilwerk Hamburg. Die Dänen als Vorreiter: HOUE, Wehlers und Squarely Copenhagen überzeugen mit nachhaltigen und ressourcenschonenden Designs. Für alle die Lust auf noch mehr nachhaltige Designs haben, empfehlen wir einen Besuch in unseren Stores in Hamburg.

  • Places to See: Seattle

    Seattle, die größte Stadt im pazifischen Nordwesten der USA, ist ein faszinierendes Reiseziel, das Natur und Urbanität perfekt vereint. Die „Smaragdstadt“ liegt malerisch zwischen dem Puget Sound und dem Lake Washington, umgeben von üppigen Wäldern und majestätischen Bergen. Seattle - die "Smaragdstadt" im pazifischen Westen der USA. © Visit Seattle Das Wahrzeichen Seattles ist zweifellos die Space Needle. Der 184 Meter hohe Aussichtsturm bietet einen atemberaubenden 360-Grad-Blick über die Stadt und die Bucht. Bei klarem Wetter zeigt sich am Horizont sogar der schneebedeckte Mount Rainier. Im Seattle Center finden sich weitere Attraktionen wie das Museum of Pop Culture (MoPOP), das Musik- und Popkultur-Fans begeistert, sowie das Chihuly Garden and Glass Museum, das spektakuläre Glasskulpturen präsentiert. Ein weiteres Highlight ist der Pike Place Market, einer der ältesten Märkte der USA, wo Besucher frische Produkte und den ersten Starbucks-Laden entdecken können. Seattle ist zudem die Heimat von Starbucks, und Kaffeeliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten. Die Stadt ist gespickt mit unzähligen Cafés und Röstereien, die eine Vielzahl von Aromen anbieten. Sport, Märkte, Kultur und Kaffee: Seattle hat viel zu bieten. Obere Reihe: Die Climate Pledge Arena beheimatet unter anderem das NHL Team Seattle Kraken © Michael Dyrland, Idyllischer Blick auf den Northlake © Visit Seattle | Untere Reihe: Die Heimat von Startbucks liegt in Seattle, bekannt für seine vielen Märkte, darunter auch der Pike Place Market, einer der ältesten Märkte der USA © Visit Seattle Seattle ist auch für seine vielfältigen Stadtviertel bekannt. Pioneer Square zeigt die historische Seite der Stadt, während das trendige Belltown mit Boutiquen und Cafés lockt. Der International District ist das kulturelle Herz der asiatisch-amerikanischen Gemeinschaft und bietet zahlreiche kulinarische Erlebnisse. Insgesamt begeistert Seattle mit seinem einzigartigen Charme, kultureller Vielfalt und atemberaubenden Landschaften. Darüber hinaus trägt Seattle seit 2017 den UNESCO-Titel „City of Literature“. Die lebendige Literaturszene spiegelt sich in zahlreichen Buchhandlungen, Lesungen und literarischen Events wider. Kunstinteressierte sollten einen Besuch im Seattle Art Museum oder dem Frye Art Museum einplanen. Bekannt für seine vielfältigen Stadtviertel: Vom trendigen Belltown bis zum historischen Pioneer Square. © Visit Seattle Die Stadt wartet mit einer einzigartigen Mischung aus Entspannung und Aufregung auf, die Besucher in ihren Bann zieht. Ob Sie nun die ikonische Skyline bewundern, in einem der vielen Parks entspannen oder die pulsierende Innenstadt erkunden, Seattle hat für jeden Geschmack etwas zu bieten. Die Umgebung der Stadt lädt zu vielfältigen Outdoor-Aktivitäten ein. Ob Wandern im nahen Kaskadengebirge, Kajakfahren auf dem Lake Washington oder eine Fährfahrt zu den malerischen Inseln des Puget Sound – Naturliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten. Bild oben: Viel, viel Wasser: Seattle liegt auf der Landenge zwischen dem Pudget Sound und dem Lake Washington. © Rachael Jones Media | Bild Mitte: Kajakfahren mit Blick auf die Skyline. © Visit Seattle | Bild unten: Der Overlook Walk lädt zu einem Spaziergang von Seattles Küste bis zur Innenstadt ein. © Visit Seattle Das Wahrzeichen Seattle: Die berühmte Space Needle. © Rachael Jones Media Neugierig geworden? Mit unserem Reise-Partner CRD Touristik  im stilwerk Hamburg könnt ihr eure Reise nach Seattle individuell gestalten und buchen.

  • Auf diese Steine können Sie bauen

    Wir möchten euch nur ungern Steine in den Weg legen. Aber diese hier muss man gesehen haben: Im süditalienischen Matera hauen belgische Architekten eine Weinbar in ein neolithisches Weltkulturerbe. In China wird es dagegen richtig schräg, dort ragt ein „Lowscraper“ aus 1500 Jahre alten Backsteinen diagonal in die Luft. Kurz: Diese Geschichte ist in Stein gemeißelt. Matera © Krautkopf Text: Annika Thomé   Nur Fleisch und Nüsse auf dem Teller können sehr eintönig werden. Gut also, dass die Paleo-Diät jetzt durch Paleo-Living abgelöst wird: wohnen wie in der Steinzeit. Ein Trend, der nicht überall neu ist. In der apulischen Stadt Matera etwa graben sich die Wohnungen, die Sassi de Matera   – nach dem italienischen Wort für Stein –, tatsächlich schon seit der Jungsteinzeit in den Fels. Nicht ganz förderlich für die Immobilienpreise: Mitte des letzten Jahrhunderts brachen in den Grotten aufgrund mangelnder Hygiene Malaria, Typhus und Cholera aus. Eine „nationale Schande“ nannte der damalige Ministerpräsident Alcide De Gasperi den Ort an der Ferse des italienischen Stiefels, die Bewohner wurden zwangsversetzt. Mit der Ernennung zum UNESCO Welterbe im Jahr 1993 und jüngst dem Titel Kulturhauptstadt 2019 hat sich Matera aber wieder berappelt. Jetzt kommen die Kreativen.  Einer von ihnen ist Jan De Vylder vom flämischen Architektentrio „de vylder vinck taillieu“. Der 51-Jährige meißelte eine Weinbar in den Tufo , so nennen die Menschen hier das weiche, helle Gestein, das eigentlich kein vulkanischer Tuff, sondern Kalkstein ist. Seinen Wettbewerbsentwurf skizzierte der Belgier, ohne jemals vor Ort gewesen zu sein. Aber er hatte Glück, denn die Dimensionen stimmten – und mit dem ortsansässigen Architekten Michele Andrisani zudem noch eine Art Urgestein an seiner Seite. „Michele wusste genau, was möglich war. Und vor allem, was nicht. In Matera gibt es keine Straßen, keine Autos, nur verwinkelte Gassen. Da kannst du nicht mit einem Kran ankommen. Das hier ist alles Handarbeit“, sagt De Vylder über die Enoteca dai Tosi . Deren Herzstück, eine breite Treppe, die über drei Stockwerke in den Berg führt. Auf jeder Etage: Räume mit naturbelassenen Wänden und Decken. „Die meisten Gäste gehen erst einmal nach unten an die Bar und dann noch weiter runter in den Schatzkeller.“ Falsch – die meisten Gäste sind erstmal wahnsinnig froh, dass sie die Bar im Labyrinth der Felsenstadt überhaupt gefunden haben. Aber lassen wir De Vylder ausreden: „Da sitzt man dann bei einer guten Flasche, lernt jemanden kennen, kommt wieder hoch – und dann entdeckt man die Zisternen, die man am Anfang nicht gesehen hatte und in die man sich verkriechen kann wie in ein Privatzimmer“, sinniert der Architekt. „Ich habe das Gefühl, wir haben die gesamte Architektur der Stadt genommen, auf den Kopf gestellt und in eine Höhle gesteckt.“ Der Belgier gibt zu, schon lukrativere Aufträge ergattert zu haben. „Manchmal muss man aber auch die brotlosen Projekte annehmen. Wer darf schon ein Welterbe aushöhlen?“   Enoteca dai Tosi © Enoteco dai Tosi Akustik ist bei Stein oft ein Problem. Nicht bei Tuffstein!   Bezüglich des Inventars machte sich De Vylder vor allem um die Akustik Sorgen. Grundlos. „Der Tuff absorbiert einen Großteil der Geräuschkulisse. Ich war überrascht, wie gut man sich noch unterhalten kann, selbst wenn die Räume rappelvoll sind. Das ist bei Stein normalerweise ein Problem.“ Das Grün der Einrichtung, Holzschemel und Lampen etwa, eine Sonderanfertigung aus Norditalien, greift die für Matera typischen Farben der Fensterläden auf. „Ansonsten war alles regional. Die Handwerker, die wir anheuerten, die sogenannten Tufaroli,  kennen sich aus mit den Grotten. Ihr Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben.“ In der Regel arbeiten die Tufaroli mit elektrischen Handsägen. Je nach Felstiefe verändere der Stein allerdings seine Härte und Dichte. Und an hartem Tuff könne man sich durchaus die Zähne ausbeißen. Dann greifen die Materaner, deren Eltern und Großeltern übrigens froh sind, nicht mehr im Fels wohnen zu müssen – sie haben jetzt eine Wohnung mit Fenstern, ein Traum! –, zu einem alten Holzwerkzeug mit Metallzähnen, das den Stein abhobelt, „als wäre er Parmesan“. Sehr, sehr alter Parmesan. Einmal um den halben Erdball, in der Sechs-Millionen-Metropole Ningbo, südlich von Shanghai, achtgrößter Containerhafen der Welt, gilt regionale Identität derweil als limitiert und hinterwäldlerisch. Lieber macht man ganze Dörfer dem Erdboden gleich, als sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Genau das geschah auf dem Gelände des Ningbo Museums im Stadtteil Yinzhou. Über 30 Siedlungen mussten hier einem neuen Verwaltungszentrum, einem Park und dem Museum weichen. Aber dann platzte Pritzker-Preisträger Wang Shu, 58, vom Architekturbüro Amateur Architecture wie ein chinesischer Glücksdrache in die Ödnis. Anstatt den Schutt der Häuser abtransportieren zu lassen, sammelte Wang Shu die Überbleibsel, graue Backsteine und rote Ziegel in 20 verschiedenen Farbabstufungen, höchstpersönlich ein. Seine Idee: Das, was man normalerweise im Inneren eines Museums findet, sollte nach außen – und damit eine nur 24 Meter hohe, aber kolossale Demonstration gegen die anhaltende Planier-Moderne sein.    Höher wollte er seinen festungsartigen „Lowscraper“ nicht bauen. Das Ding sollte stattdessen schräg in die Breite wachsen und damit Ningbos alten City-Code einhalten, demzufolge die Dächer höchstens besagte 24 Meter in den Himmel ragen durften. Noch betagter als dieses Gesetz sind nur die von Wang Shu eingesammelten Abrisssteine selbst. Sie datieren bis zu 1500 Jahre zurück in die Tang-Dynastie. Die Art, wie Wang Shu sie aufeinandertürmte, lässt die Fassade des Museums nicht nur aussehen wie türkisches Baklava-Gebäck, sie hat in Gegenden wie dieser, in der oft Taifune wüten, Tradition. Häuser, die in Trümmern lagen, mussten schnell wieder stehen. Am zackigsten ging das mit einer Art des Schichtens ohne Mörtelzusätze, im Osten Chinas Wapan  genannt.     „Zackig“ war Imperativ bei Wang Shus Projekt. Der Architekt hatte nur wenige Monate Zeit, den 30.000 Quadratmeter großen Kulturbau zu planen. Details zu den zukünftigen Exponaten gab es keine. Nun wäre Wang Shu nicht Wang Shu, wenn er nicht trotzdem für jede Wand farbige Skizzen hätte anfertigen – und vor Ort alles wieder über den Haufen werfen lassen. Zeitlich blieb er dennoch im Rahmen. Was mit Sicherheit auch an seinem Enthusiasmus liegt. „Amateur bedeutet für mich nicht, neu im Job oder dilettantisch. Es geht mir eher um die Energie, die man am Anfang seines Berufslebens hat. Die Lust, etwas zu schaffen, dieses unbedarfte Entdecken von Neuland, das ganz andere Möglichkeiten eröffnet. Das musste ich den Repräsentanten der Stadt, die immer wieder auf die Baustelle kamen und das Ganze mit Argwohn beobachteten und etwas ,Zeitgemäßeres, dem technischen Fortschritt Angemesseneres‘ forderten, immer wieder erklären“, erzählt der 58-Jährige. „Low-tech ist nicht Synonym für laienhaft.“ Das Ningbo-Museum © Blaine Brownell   Den Fehler begradigen? Ach was, man ließ der Natur ihren Lauf       Wobei Wang Shu durchaus Platz lässt für Anfängerfehler. Oder besser: Materialfehler. „Irgendwann standen wir vor einer Kurve, die eigentlich eine Gerade hätte sein sollen. Es gab hitzige Debatten darüber, ob wir den Fehler im wahrsten Sinne begradigen sollten oder nicht. Schlussendlich habe ich alle Parteien überzeugen können, der Natur ihren Lauf zu lassen. Man kann nicht alles kontrollieren“, so der Architekt. „Guckt hinauf in den Himmel – alles, was ihr sucht, findet ihr in den vorüberziehenden Wolken“, soll er seinem Team gesagt haben. Was ihm unter den Handwerkern den Beinamen Shifu  einbrachte. „Meister“ nennen sie ihn jetzt, anstelle von Laoshi , Lehrer. „Das ist nett. Ich fühle mich wie ein alter chinesischer Philosoph“, lacht Wang Shu, der sich gern auch von einheimischer Landschaftsmalerei inspirieren lässt.     Was man sofort glaubt, wenn man durch den 30 Meter langen Eingangstunnel des Museums schreitet und im hellen Atrium über die Beton-Wände streicht, die in Bambusmatten gegossen wurden und so das für Bambus typische Muster aufweisen. Nimmt man eine der drei ausladenden Treppen zu den oberen Ausstellungsräumen, kann es sein, dass man urplötzlich wieder ins Freie tritt, auf eine große, offene Fläche. Lustigerweise fühlt es sich an, als hätte man gerade einen Berg erklommen. „Genau das wollte ich erreichen!“, freut sich Wang Shu. Dass Besucher auf der Vergangenheit herumklettern wie auf einem Berg. „Letztlich habe ich ja den Zuschlag bekommen, weil Ningbo imstande war, seine Geschichte komplett auszulöschen“, so der Architekt.     Pritzker-Jury-Mitglied Baron Peter Palumbo sagte bei Wang Shus Auszeichnung: „Seine Arbeiten bewegen sich jenseits der Frage Alt oder Neu. Seine Bauten sind zeitlos, tief verwurzelt in ihrem Kontext und trotzdem weltumfassend.“ Und auf einmal waren sie vergessen, die Vorwürfe, dass Wang Shu den rückständigsten Teil von Ningbo in das fortschrittlichste Viertel holte. Der Architekt dazu: „Genau darum geht es doch bei einem Geschichtsmuseum. Und wir haben mit den recycelten Wänden viel Geld gespart. Wir sind unter dem Budget von 5000 chinesischen Yuan pro Quadratmeter geblieben, das entspricht etwa 650 Euro. Und viel wichtiger noch: Wir haben Ressourcen geschont. Was bitte ist fortschrittlicher als das?“ Eben. So kann nur ein echter Shifu sprechen.

  • ReFraming Architecture

    Insbesondere Architekturschaffende, Interior Designer:innen und Immobilienplaner:innen profitieren bei anspruchsvoller Objektplanung vom gebündelten Kompetenzpotential im stilwerk. Darüber hinaus bietet stilwerk seit 2020 unter dem Titel "ReFraming Architecture" einen exklusiven B2B Hub für Professionals - mit dem Ziel, einen lebendigen Austausch zwischen Planer:innen und Marken zu ermöglichen. Live- und Onlinetalks Mehrmals Mal im Jahr lädt stilwerk zum Netzwerkevent in die Destinationen in Düsseldorf und Hamburg ein: Internationale Speaker:innen stellen in inspirierenden Vorträgen und zu zeitrelevanten Themen aktuelle Projekte vor. Darunter Martin Murphy (Störmer Murphy Partners) , Stephen Williams (Stephen Williams Associates) , Christoph Winkler (SEHW Architekten) ,   Julia Erdmann (JES socialtecture) , Jo Landwehr ( LH Architekten ), Pierre Jorge Gonzalez and Judith Haase (Gonzalez Haase AAS) ,   Giorgio Gullotta  (Giorgio Gullotta Architekten) ,   Tobias Wallisser  (LAVA) ,   Tim Ahlswede (Arup), Matthias Latzke (HPP Hamburg) ,   Finn Warncke (KPW Architekten) ,   Hadi Teherani (Hadi Teherani Architects), Oberbaudirektor  Franz-Josef Höing, Thomas Willemeit  (GRAFT), Jette Hopp (Snøhetta), Caspar Schmitz-Morkramer (caspar.), Tanja Jauernig  (adept), Mareike Lamm (sauerbruch hutton), Sven Thorissen (MVRDV), Susanne Brandherm (brandherm+krumrey interior architecture), Alexandra Wagner (allmannwappner) und viele mehr. Die Moderation der Talks übernimmt seit 2022 Karen Hartwig , Chefredakteurin vom Magazin AW Architektur und Wohnen . Unsere Partner: Termine 2024 Kontakt & Newsletter Werden Sie Teil des professionellen Netzwerks auf LinkedIn und melden Sie sich HIER zu unserem Newsletter an, um in Zukunft alle Informationen zu den exklusiven stilwerk B2B-Events sowie weitere Inspiration zu erhalten.

  • Wittmann Heritage

    Tradition schafft Innovation: Die Wittmann Möbelwerkstätten kreieren seit mehr als einem Jahrhundert Designikonen in höchster Manufakturqualität. Dabei kombiniert die Marke in ihrem Portfolio innovative Entwürfe aufstrebender Designer:innen mit Klassikern der Moderne. Ikonen der Moderne von Josef Hoffmann, Johannes Spalt, Friedrich Kiesler und Paolo Piva. © Wittmann Ohne Design wäre Wittmann nicht Wittmann – und ohne Handwerkskunst auch nicht. Seit jeher bringt der Austausch mit kreativen Köpfen aus der ganzen Welt frischen Wind in die Manufaktur. Die Handwerkskunst der Marke wiederum beflügelt Designer zu neuen Ideen. Diese wechselseitige Inspiration ist das Geheimnis hinter der einzigartigen Qualität und dem besonderen Charakter der Wittmann Möbel. Wittmann schöpft dabei aus einem reichen Schatz an Entwürfen, die von früheren Meistern der Designgeschichte geschaffen wurden. Modelle aus dieser beeindruckenden Sammlung werden in der Manufaktur in Niederösterreich neu aufgelegt und spiegeln die prägende Handschrift von Ikonen wie Josef Hoffmann, Johannes Spalt, Friedrich Kiesler und Paolo Piva wider. Für Wittmann ist Tradition alles andere als angestaubt. Sie ist der kreative Antrieb, der dafür sorgt, dass aus Ideen Wirklichkeit wird. Qualität im Design ist der rote Faden, der die Marke prägt – und das Geheimnis ihrer Verbindung aus einem reichen Erbe und einer Zukunft voller Möglichkeiten. JOSEF HOFFMANN (1870- 1956) SITZMASCHINE Josef Hoffmann entwarf das funktionale Möbel mit dem illustren Namen im Jahr 1905 als Einzelstück, zwischen 1908 bis 1916 ging es in Serie. Die Sitzmaschine zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie zwingend für Hoffmann die Einheit von Kunst, Funktion und Handwerk war. Die Produktion des ungewöhnlichen Lehnstuhls war und ist in höchstem Maße anspruchsvoll. ALLEEGASSE Josef Hoffmann entwarf diesen Archetyp des Salonmöbels im Jahr 1912 für das Wohnhaus der Familie Koller in der Wiener Alleegasse. Nach mehr als einem Jahrhundert Designgeschichte beweist das zierliche Möbel mit der markanten Kederführung immer noch Stil und Klasse. KUBUS Kubus ist ein Manifest all dessen, wofür Josef Hoffmann steht. Ein Würfel — ein in die dritte Dimension gebrachtes Quadrat, das wiederum aus zahlreichen einzelnen Quadraten besteht. Geometrisch, akkurat, keinen Fehler verzeihend. Die perfekte Ikone. In den 1960er Jahren wieder zum Leben erweckt, ist der bedeutende Entwurf aus dem Jahr 1910 untrennbar mit Wittmann und der meisterhaften Kunst des Polsterhandwerks verbunden. Die Entwürfe Josef Hoffmanns kombinieren Geometrie mit Funktion. © Wittmann JOHANNES SPALT (1920- 2010) CONSTANZE 3/4 Die charakteristischen Modelle der Serie 3/4 waren das erste gemeinsame Projekt des Architekten Johannes Spalt mit Wittmann. Das Attribut „zeitlos" trifft auf den Entwurf aus dem Jahr 1960 zu, wie auf wenig andere Designs. Sessel und Hocker Constanze 3/4 werden von Wittmann in kompromissloser Detailgenauigkeit mit all ihren markanten Gestaltungsmerkmalen re-editiert. Bauhaus lässt grüßen: Stahlrohr und Leder in geometrischer Gestalt. © Wittmann FRIEDRICH KIESLER (1890–1965) FREISCHWINGER NR. 2 1936 entwarf Friedrich Kiesler einen Stahlrohrfreischwinger für die New Yorker Wohnung von Charles und Marguerite Mergentime. Wie viele andere Designs Kieslers war der Freischwinger, der letztlich nie umgesetzt wurde, seiner Zeit weit voraus. Kieslers richtungsweisende Entwürfe werden von Wittmann in höchster handwerklicher Präzision und mit hohem Respekt vor der Ideenwelt des Gestalters reeditiert. PARTY LOUNGE Progressiv und seiner Zeit voraus: In der extravaganten Party Lounge manifestiert sich Friedrich Kieslers Denkweise. 1936 für die Wohnung Mergentime in New York entworfen und von Kiesler im selben Jahr zum Patent angemeldet, ist die großzügig dimensionierte und wandelbare Party Lounge Sinnbild des kommunikativen Möbels. Progressiv und klassich: Die Entwürfe von Friedrich Kiesler © Wittmann PAOLO PIVA (1950- 2017) AURA Aura ist Paolo Pivas Signature-Entwurf für Wittmann. Seit 1983 ist der Fauteuil mit den ausgewogenen Proportionen und der unverwechselbaren Form Inbegriff des universell einsetzbaren und auf vielen Gebieten talentierten Kompaktsessels. HAVANNA SOFA Italienisch lässige Linien flossen Paolo Piva stets sehr leicht aus der Hand. Dass er seinen zweiten Lebensmittelpunkt — neben Venedig — in Wien hatte und jahrzehntelang Seite an Seite mit Wittmann Möbel realisierte, brachte ein Quäntchen Strenge und eine Vorliebe für präzise Keder- und Nahtdetails in seine Entwürfe. Zeitlos, ästhetisch und eben typisch Piva zeigt sich auch Havanna, aus dem Jahr 2008. Polstermöbel der klassischen Art: Paolo Pivas Entwürfe. © Wittmann Wittmann ist bei uns im concept:space im stilwerk Hamburg im 3. OG erhältlich.

  • Goldfieber

    Auroville – Stadt der Morgenröte. Schon der Name der Kommune in Indien klingt wie eine Verheißung. Aber hält der Ort rund 50 Jahre nach seiner Gründung, was die Utopie verspricht? Text: Roland Rödermund   Manchmal muss man weit reisen, um bei sich anzukommen. „Hier fühle ich mich frei“, sagt Maria Groeger. „Ich habe gelernt, was mir jenseits der materiellen Welt wichtig ist.“ Und was ist das? Zum Bespiel Kreativität, Meditation, Harmonie. Fünf Mal, zuletzt zwei Monate lang, lebte die ehemalige Lehrerin aus Münster, 66, in der geheimnisvollen Stadt an der südindischen Koromandelküste: Auroville.   Den lieblichen Namen kennt man. Ebenso Bilder der riesigen Goldkugel, dem Meditationszentrum Matrimandir. Doch was genau ist Auroville – Sektenzentrum, Ashram, Künstlerdorf? Eher Sehnsuchtsort oder Spielwiese für Freigeister und Aussteiger und mit knapp 3000 Bewohnern die größte Kommune weltweit. Soziale, moralische, kulturelle, ja alle Unterschiede zwischen Menschen sollen hier aufgehoben werden. Die Gemeinde im Dschungel ist weder politisch noch religiös einem Staat verpflichtet, wird aber seit seiner Gründung 1968 von der UNESCO und der indischen Regierung gefördert. Im Prinzip kann hier jeder für eine unbestimmte Zeit herkommen und etwa an Healing- oder Yoga-Workshops teilnehmen. Für Aussteiger, die dauerhaft in der Gemeinschaft leben und arbeiten wollen, gibt es ein Probe-Jahr.    Die Bewohner, hauptsächlich Inder, Franzosen und Deutsche, haben ihre Berufe und Familien hier, sie organisieren sich in Gremien, um demokratisch über das Leben in ihrer Stadt zu verhandeln. Denn sie glauben an Auroville als eine bessere Welt. „Anfangs fand ich es komisch, dass die Läden in europäischer Hand sind, das Personal aber meist indisch ist“, sagt Maria Groeger. „Aber die indische und die europäische Mentalität ergänzen sich, genau wie die westliche Philosphie und indische Spiritualität. Gäbe es Auroville nicht, hätten viele Inder hier gar keine Arbeit.“   An einigen Stellen hapert es noch, die Stadt der Morgenröte ist noch lange kein geldfreier Ort, wie ursprünglich geplant. Und natürlich gibt es auch hier Konflikte im Zusammenleben. High Speed Internet, Motorräder, französische Küche und Cafés mit italienischem Cappuccino klingen ziemlich weltlich, aber im Paradies auf Erden gehören sie auch zur Tagesordnung. Vielleicht ist Auroville einfach ein guter Kompromiss zwischen Himmel und Erde.

  • Anders reisen

    Stellt euch vor, ihr fahrt in den Urlaub und dürft bis zum Ziel nicht die Augen öffnen. Kurz mal Blinzeln: Wow! Landscape Hotels mit enger Verbundenheit zur einheimischen Kultur sind die neue 5 Sterne-Kategorie des Nischentourismus. Smarte Design-Konzepte flechten sich hier in einzigartige Naturszenarien ein. Ach ja, Luft holen dürft ihr jetzt wieder. Annandale Farm in Neuseeland © Annandale Text: Silke Roth   ANNANDALE FARM, NEUSEELAND An der Südinselspitze Neuseelands liegt Akora. Wenn man sich das Ende der Welt vorstellt – et voilà, so könnte es aussehen. Dass Abgeschiedenheit der neue Luxus ist, hat Geschäftsmann Mark Palmer früh erkannt und sich für das Gelände mit Privatbucht ein eigenes Dorf ausgedacht. Kleine Luxus-Apartments mit Meeresblick, Design-Farmhaus, eine renoviere Schäferhütte und die stattliche Herrenvilla. Abends hört man auf dem knapp 1620 Hektar großen Gelände nur ein paar Schafe im Gras wandern und das Meer rauschen. annandale.com , buchbar über welcomebeyond.de HOTEL ROOMS KAZBEGI, GEORGIEN Majestätische Aussicht und imposanter ist nur die Kulisse in der das Hotel steht. An wohl keinem Ort im nördlichen Georgien bricht das Licht über dem Berg Kazbegi so herrlich wie hier auf der Außenterrasse. Im Haus selbst sind Bibliothek, Indoor-Pool und Casino mit Blick auf das Kaukasusgebirge ausgerichtet. Für das Interieur haben sich Jungdesigner aus der 150 Kilometer entfernten Hauptstadt Tiflis einen Mix aus altem Georgischen Charme mit Holz, Backstein und rustikalem Industrie-Chic ausgedacht: roomshotels.com   SACROMONTE, URUGAY Zur Begrüßung gibt es eine gigantische Spiegelfront (Seite 18) mitten in der Sierra Carapé im Süden Uruguays. Nicht gerade das, was man im Nirgendwo Lateinamerikas erwartet. Auf 101 Hektar Land entsteht hier zwischen jungen Weinreben und hügeligen Grasflächen ein Naturresort für Weinliebhaber. Durchdacht vom brasilianisch-uruguayischen Architektenbüro MAPA kommen hier Natur und Design zusammen. Auf weiter Flur gibt es zehn Villen und vier Gästehäuser. sacromonte.com   Fotos © Leonardo Finotti LA PEDEVILLA, SÜDTIROL Die Vision eines modernen Chalets in der Dolomiten-Gemeinde San Vigilio Di Marebbe umzusetzen, hatten die beiden Architekten Armin Pedevilla und Caroline Willeit schon lange. 2013 bauten sie zwei Häuser, die alten Ladinischen Gehöften nachempfunden sind. In einem wohnen sie mit ihren Kindern selbst, das andere wird an Gäste vermietet. Die schwarz-weiße Ästhetik auf 1200 Höhenmetern wirkt zwar futuristisch, doch im Innenraum wurde auf traditionelle Materialien wert gelegt. Boden und Türen sind aus der bergtypischen Zirbe, die Vorhänge aus Lodenstoffen und die Wände kommen von weißem Dolomiten-Beton. lapedevilla.it , buchbar über welcomebeyond.de     BERGALIV, SCHWEDEN Minimalistische Lofts sind das Retreat in der nordschwedischen Provinz Häsingland. Eines von vier geplanten Stelzenhäuser ist schon fertig. Unten die Wohnebene, oben eine überdachte Terrasse. Über eine Holzbrücke kommt man zum Wohnbereich, der so reduziert ist, dass man fast meint in Japan zu sein. Futon-Betten, die tagsüber aufgerollt an der Wand hängen, eine Eckbank am Fenster ist Sofa und Esszimmer gleichermaßen. Nichts im Loft lenkt vom Blick über das lange Flusstal ab. bergaliv.se   Fotos: © Hanna Michelson   PATAGONIA CAMP, CHILE Glamping ist Camping für anspruchsvolle Stadtmenschen. Im Boutique-Hotel schläft man in einer der Jurten, die luxuriöse Variante des mongolischen Zelts. Von dort hat man Aussicht auf den Toro-See und den Nationalparks Torres del Paine. Gebaut wurde alles mit wenig Impact auf die Natur, eigene Wasseraufbereitungsanlagen und selbst die verwendeten Reinigungs- und Waschmittel sind umweltverträglich. patagoniacamp.com , buchbar über welcomebeyond.de

  • Wonderwalls

    Graffiti-Stars aus der ganzen Welt verwandeln unscheinbare Dörfer in Gambia in kunterbunte Kunstwerke. Dahinter steckt ein Projekt, das den Tourismus und die Völkerverständigung fördern will. Wir sprachen mit dem Macher hinter der Idee. Graue Wände zum Leben erweckt: Afrikas bunter Alltag inspirierte den Brasilianer Rimon Guimarães zu seinem großformatigen Mural. Text: Andrea Bierle   „Wide Open Walls“ heißt das Kunst-Projekt, für das Lawrence Williams, Engländer und Betreiber der ökologischen „Mandina River Lodges“, seit 2011 Graffitikünstler aus der ganzen Welt in seine Heimat Gambia einlädt. Seine Idee: die grauen Wände in etwas Spektakuläres zu verwandeln und Urlauber für Afrikas kleinstes Land zu begeistern, denn das hat mehr als nur Sonne, Strand und Meer zu bieten. Im Laufe der Zeit verwandelten sich so Galowya und die umliegenden Dörfer in ein farbenfrohe Kunstgalerie – und in ein Mekka der Völkerverständigung.   Internationale Graffiti-Stars wie ROA aus Belgien, der in Israel lebende Addam Yekutieli, Eelus aus Brighton oder Remi Rough aus London sind Ihrem Ruf gefolgt und nach Gambia gekommen. Wie haben Sie das geschafft? Viele Künstler reisen das ganze Jahr von Stadt zu Stadt. Die Möglichkeit, in einer ländlichen, afrikanischen Umgebung zu malen, ist etwas Neues und Spannendes für sie. Sie waren mehr als bereit zu kommen und zu sehen, was Gambia zu bieten hat.   Und was ist das genau? Gambia ist ein so schönes kleines Land! Da die Zeitverschiebung von Europa nur eine Stunde ausmacht, hat man trotz Langstreckenflug keinen Jetlag. Aber das eigentliche Argument ist das gambische Volk. Man kann allein dorthin reisen und findet Freunde, sobald man aus dem Flieger steigt. Gerade auf dem Land spürt man die Gemeinschaft. Es ist bereichernd und wunderschön, mit den Kindern oder Ältesten zusammenzusitzen und zu reden. Diese Erfahrung haben auch die Graffiti-Künstler genossen.   Gibt es denn eine Graffiti-Kultur in Gambia? Vor dem Start von „Wide Open Walls“ war Straßenkunst nicht verbreitet, und auch heute noch ist die Szene sehr klein. Ich bin aber froh, dass sich das im Rahmen hält, denn zu viel davon kann einen Ort auch unattraktiv aussehen lassen.   Haben die Künstler einfach drauf losgemalt oder gab es ein von Ihnen vorgegebenes Konzept? Kunst ist etwas sehr Persönliches. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich den Leuten vorschreiben sollte, was sie zu tun haben. Aber viele Dorfbewohner waren am kreativen Prozess beteiligt.   Gab es auch Motive, die sie nicht mochten? Nur einmal gefiel einer Familie das gemalte Bild an ihrem Haus nicht und sie bat darum, es zu entfernen – was wir sofort taten.   Als Organisator mussten Sie die Fäden zusammenhalten… Ja, keine leichte Aufgabe. Mein Job bestand darin, die Künstler mit Farbe, Leitern, Essen und Wasser zu versorgen, sowie den Transport zu organisieren. Am Ende des Tages saßen wir alle zusammen und tauschten uns aus – was funktioniert und was muss anders gemacht werden?   Wie viele Wände wurden so zu Kunst? Das kann ich nicht genau sagen – aber eine Menge! Durch die entstehenden Freundschaften nahm das Projekt seinen ganz eigenen Lauf. Ich erinnere mich an eine Szene, als David Shillinglaw den Imker vom Dorf traf und mit Unmengen Honig in unsere Lodge zurückkehrte. Am nächsten Tag ging er zur Hütte des Mannes und bemalte sie. Es gibt immer noch Gemälde, die ich nur von Fotos kenne, da ich keine Ahnung habe, wo sie entstanden sind. Unverwechselbar: Leuchtende Farben und große Augen sind typisch für David Shillinglaws Stil. "Es ist unglaublich, das Haus anderer mit deren Zustimmung zu gestalten", sagte der Künstler über seine Teilnahme am Graffiti-Projekt in Gambia. "Aber damit auch einen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten, ist unbezahlbar." Übrigens: In Hamburg schmückt die 7. Etage des Scandic Hotels eine Arbeit des Malers.   Nicht zu übersehen sind die großformatigen Wandgemälde von ROA. Im ersten Jahr, in dem ROA beim „Wide Open Walls“-Projekt dabei war, malte er Tiere – aber sie kamen wohl eher aus Ostafrika. Im darauffolgenden Jahr malte er also welche aus Gambia. Er ließ die Vögel, Insekten und Reptilien um ihn herum bestimmen, was er auf die Wand brachte. Viele Künstler finden, dass ihre Motive beim zweiten Besuch besser in die Umgebung passten.   Einige Bilder sind inzwischen verschwunden. Kommen neue hinzu? Das Vergängliche liegt in der Natur von Straßenkunst – sie ist nichts Dauerhaftes, und das afrikanische Klima mit seiner ausgeprägten Trocken- und Regenzeit fordert seinen Tribut. Trotzdem kann man noch immer viele Murals sehen. Außerdem ist es auch eine Chance, über Neues nachzudenken.   Gibt es Pläne, das Projekt fortzusetzen? Vor drei Jahren hatte ich einen schlimmen Autounfall. Seitdem befinde ich mich in ärztlicher Behandlung in Großbritannien. Bis ich wieder ganz nach Gambia zurückkehren kann, arbeite ich an einem neuen Konzept. Diesmal soll es größer werden, facettenreicher. Ich bin bereits mit vielen Künstlern im Gespräch. Spätestens 2021 soll es ein Festival geben – mit Kunst, Kultur und Musik. Die Arbeiten von Remi Rough in Galowya Remi Rough, britischer Straßen- und Galeriekünstler, über seine Zeit in Galowya:   „Ich war zum ersten Mal in Gambia. Die Menschen in den Dörfern waren so warmherzig! Die Kinder brachten uns Mangos, die sie für uns gesammelt hatten. Ich sagte ihnen, wie viel sie in Großbritannien kosten. Sie konnten nicht glauben, dass man dafür zahlen muss. Ich arbeitete auch mit dem bekannten gambischen Künstler Njogu Touray zusammen. Die Einheimischen unterstützten uns, indem sie uns ihre Räume zur Verfügung stellten. Meine Arbeiten sind abstrakt, also habe ich einfach Farben und Formen dort gemalt, wo sie funktionierten. Diese Reise änderte meine Sicht auf die Welt – wie andere leben und wie ich lebe.“

  • inside stilwerk: curation & design

    Wir werfen in den kommenden Wochen immer mal wieder einen Blick zurück und zeigen euch, wie unser Kreativteam das Interior-Konzept vom stilwerk Strandhotel Blankenese entwickelt hat. Den Anfang macht ein absolutes Herzstück: die Suite. Der Kreativprozess: Moodboards helfen bei der finalen Farb- und Materialwahl. © Luìs Bompastor Das großzügige Studio befindet sich im 1. Obergeschoss unserer Jugendstilvilla von 1902. Mit rund 40 Quadratmetern und direktem Blick auf die Elbe lädt unsere Suite zum erholsamen Verweilen ein. Die Idee dazu? Einen Raum zu schaffen, der als Hybrid verschiedene Wohnwelten zusammenbringt. Die Kombination aus Schlafraum und Loungebereich mit einer kleinen Work-Station definiert daher die Raumstruktur. Gestalterisch spielt wie überall im Hotel auch hier die Wandfarbe ein Hauptrolle: Ein sanftes Blau, das Elbe und Himmel ins Studio holt und im ganzen Raum für eine freigeistige Atmosphäre sorgt. Das Interior bringt Lo-Fi Luxury auf den Punkt: Zeitlose Designs in Premiumqualität, die in einem reduzierten, warmen Look daherkommen. Natürliche Materialien, besondere Formen und Details, die herausstechen, harmonieren hier als ganzheitliche Komposition. Nicht schrillend laut, sondern prägnant und klar.   Head of Curation & Design Karlotta Bott bei der Arbeit. © Luìs Bompastor "Wir wollten mit der Suite für unsere Gäste einen wirklich besonderen Ort schaffen. Einen Ort, der inspiriert und an dem sowohl Ruhe und Erholung, als auch "Daily Business" möglich sind. Der Loungebereich ist daher eine Kombination aus casual Work- und Relaxzonen. Das "Schlafzimmer" auf Nötigste reduziert: Ein großzügiges Bett mit besonderer Wandkonsole als Nachttisch und ausreichend Stauraum. Luxus auf einer ganz einfachen, schnörkellosen Art." Karlotta Bott Lounging intensified Ein echtes Highlight in der Lounge ist der historische Kachelofen mit seiner prunkvollen Ornamentik: Er sorgt nicht nur für eine große Portion Wohnlichkeit, sondern versprüht zusätzlich zu den hohen Stuckdecken auch Altbauflair. Hinzu gesellen sich eine Handvoll kuratierter Designerstücke – von absoluten Klassikern wie der Louis Poulsen Stehleuchte bis zu Newcomer Pieces von Northern. Herzstück ist dabei das Loungetrio aus Sofa und zwei Sesseln mit Couchtisch und schwebender Lichtskulptur der dänischen Marke New Works. Genau dieses Ensemble zeigt, worum es beim Interior ging: Zeitlose, klassische Designs (hier Sofa und Sessel) mit außergewöhnlichen Details, die etwas edgy daherkommen (hier die Deckenleuchte), zu kombinieren. Auch der verspiegelte Barschrank der Marke Northern reiht sich in diese besonderen Stücke perfekt ein. Gestaltet hat ihn das schwedische Designerduo Färg & Blanche. Die Lounge kombiniert auf großzügigen 40 Quadratmetern Lounge- und Schlafbereich. © stilwerk, Fotos: Brita Soennichsen   Bedroom with a view Für den Schlafbereich hat unsere Head of Curation & Design Karlotta Bott eine echte Entdeckung gemacht: Die Marke RYE aus Dänemark, die uns nicht nur mit ihren wirklich wunderschön gestalteten Betten begeistert, sondern zudem mit ihrer nachhaltigen Ausrichtung überzeugt: Alle Betten werden nur auf Bestellung produziert – dieses made-to-order Prinzip ermöglicht eine individuelle Abstimmung auf die Kund:innen und reduziert den Abfall auf ein Minimum. Zudem kommen ausschließlich FSC-zertifizierte, heimische Hölzer zum Einsatz. In der Suite findet ihr das Alken Bed Frame in Smoked Oak – ein sehr schlicht gestaltetes Bett, dessen Rückenlehne mit ausufernder Rundung heraussticht.         Hier kommt alles an Ort und Stelle. © Luìs Bompastor   A bit of wellness Was in unserer Suite nicht fehlen darf? Ein feines Badezimmer, das für Wellnessmomente der kleinen Art geeignet ist. Einen tollen Partner haben wir hierfür mit Bernstein gefunden, mit denen wir gemeinsam das komplette Badezimmer ausstatten durften. Die Größe von Hotelbädern ist bekanntlich begrenzt – und so war auch hier die Herausforderung, auf kleinster Fläche möglichst viel Raum zu schaffen: Das minimalistische Wandwaschbecken in Schwarz mit einer Breite von 1,4 Metern und einem äußerst praktischen Untergestell ist ein wahres Platzwunder und sorgt dank klarer Linien für eine moderne, aber gleichzeitig zeitlose Optik. Besonders schön: Die Quarzsand-Beschichtung fühlt sich samtig weich an und wirkt zudem antibakteriell. Was auch nicht fehlt: Die Regendusche samt schwarzer Armatur, die für Frische am Morgen oder Abend sorgt. Die kleine Wellnessoase mit zeitlosen Designs von Bernstein © stilwerk, Foto: Brita Soennichsen Für alle, die jetzt Lust auf eine Übernachtung in unserer Suite bekommen haben, geht es hier direkt zur Buchung. Wer mehr über die einzelnen Designs erfahren möchte, empfehlen wir auch einen Besuch vor Ort - unsere Gastgeber:innen erzählen euch nämlich sehr gerne mehr oder vermitteln euch auch direkt zum Händler oder zur Marke.

  • "Innovation ist der Schlüssel zum Überleben"

    Wie sehen die Trends der Zukunft aus? Wie werden Design-Innovationen, Marken- und Produktstrategien sich entwickeln? Wir sprachen mit Tessa Mansfield, Chief Creative Officer bei der Trendagentur Stylus über die Kreativität von morgen. Tessa Mansfield © Stylus Interview: Silke Roth Tessa Mansfield, sie arbeiten für eine Trend-Intelligenz Agentur. Was steckt hinter diesem Begriff? Tessa Mansfield :  Stylus wurde mit dem Ziel gegründet, einen ganzheitlichen Ansatz in der Innovationsforschung zu verfolgen. Bei Trends geht es um Menschen, deshalb stehen sie im Mittelpunkt unserer Arbeit. Wir verfolgen und analysieren die sich wandelnden Denkweisen der Verbraucher und kulturelle Veränderungen, um unseren Kunden – globalen Unternehmen, Marken, Einzelhändlern und Agenturen – dabei zu helfen zu verstehen, wie die Menschen in Zukunft denken und fühlen werden, welche Produkte sie kaufen wollen und wie man am effektivsten mit ihnen kommuniziert.   In welchen Bereichen kann man Trends überhaupt vorhersehen?   T.M.:  Die Zeiten, in denen ein Trend nur eine Branche prägte, sind vorbei. Man muss sich nur die weltweite Wellness-Bewegung ansehen und die verschiedenen Möglichkeiten, wie mehrere Branchen – von Technologie über Schönheit bis hin zu Lebensmitteln – sich das zunutze machen. Die beste Innovation kommt von einem Blick über den Tellerrand der eigenen Branche.   Wie beraten Sie die Design-Industrie? T.M.:  Wir betrachten jeden Trend in seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es ist wichtig, die Herkunft zu verstehen, um eine zukünftige Entwicklung zu verfolgen. Für Designmarken ist es wichtig, sich mit visuellen Trends auseinanderzusetzen , die ästhetischen Referenzen der Vergangenheit zu verstehen und herauszufinden, wie sie sich auf zukünftige Design-Richtungen beziehen könnten.  Für diese Bedürfnisse bieten wir eine breite Palette von Trendberichten an, von schnelllebigen Kurz-Reports bis hin zu branchenübergreifenden Makrotrendberichten, die einen längerfristigen Einfluss haben. Um die Zeitvorgaben für Herstellung und Lieferung im Design einzuhalten, erstellen wir Design Directions und Farbspektren, die bis zu 24 Monate in die Zukunft blicken. Diese visuellen Berichte sind ein inspirierendes Tool für die Produktentwicklung und helfen die Arbeit an ersten Designkonzepten anzuregen. Meist bestehen sie aus breit angelegten Moodboards, die alles von Farbe, Oberfläche und Material bis hin zu Grafik- und Raumdesign betrachten, alles nach Themen geordnet. Neben unseren schriftlichen Expertenberichten halten wir Präsentationen, veranstalten virtuelle Gespräche und Podiumsdiskussionen, erstellen Videos und haben einen beliebten wöchentlichen Podcast.   Muss die Designwelt ihre Grundwerte jetzt überdenken? T.M.:  Das sollte sie, und glücklicherweise scheint sie das auch zu tun. Nach der Pandemie hat die Designbranche die Dringlichkeit für die Verbraucher erkannt, es besser zu machen. Auf einer der letzten Mailänder Designwoche wurde zum Beispiel der Ansatz „weniger ist besser“ verfolgt. Jetzt erwarten wir eine Neukalibrierung der Prioritäten – mit Designern und Herstellern, die eine positive Richtung einschlagen, um ein glückliches Zuhause, nachhaltige Kreisläufe und sinnvolle Produkte zu schaffen. Über allem steht dabei eine Grundmotivation: In der schnelllebigen Welt von heute ist Innovation der Schlüssel zum Überleben.   Mit welchen Tools arbeiten Sie? T.M.:  Das wichtigste Tool sind unsere Expertenteams, die unterschiedliche Hintergründe haben. Von Designern und Journalisten bis hin zu Stylisten und Strategen, so dass unsere Kunden eine breite kreative Perspektive auf die von uns produzierten Inhalte erhalten. Außerdem haben wir ein Beraterteam, von denen viele einen strategischen Hintergrund haben. Wir arbeiten auch eng weltweit mit externen Spezialisten aus verschiedenen Branchen zusammen, um sicherzustellen, dass wir unsere Erkenntnisse mit einem regionalen und lokalen Blickwinkel betrachten.   Blicken wir in die Zukunft. Ein wichtiges Thema im stilwerk Kosmos ist „re-framing“. Welche Strömungen werden die Art und Weise, wie wir leben, in einen neuen Rahmen setzen?  In einer unserer neuesten Arbeiten, „Consumer of 2040“, zeigen wir auf, wie die heutigen Veränderungen die globalen Lebensstile langfristig prägen werden. Ein Trend ist das Aufkommen der zukünftigen „Digi-Citizens". Da flexibles Arbeiten in den kommenden Jahren neben dem Wachstum einer virtuellen Wirtschaft zur Regel werden wird, werden wir den Aufstieg von mehr nomadischen und grenzenlosen Arbeitnehmern erleben, die die Technologie nutzen, um eine neue Art von Freiheit zu erlangen. Sie werden in virtuelle Welten ein- und aussteigen, virtuelles Eigentum im Metaversum besitzen und mit anderen an digitalen, kooperativen Arbeitsplätzen zusammenarbeiten, die es ihnen ermöglichen, in Kryptowährungen bezahlt zu werden. Ein weiterer Trend ist der, den wir als „ ungebundene Existenzen“ bezeichnen. In Zukunft werden wir Konzepte sehen, die Freizeit und Arbeit in lokalen Gemeinschaften kunstvoll miteinander verbinden. In den meisten Wohnvierteln wird es wahrscheinlich dritte Räume geben, die den unterschiedlichen Bedürfnissen von Arbeit und Leben gerecht werden, wie z.B. erschwingliche Co-Working-Clubs mit Kinderbetreuung. Firmenbüros werden nicht überflüssig sein, sondern sich in nützliche Gemeinschafts-, Sozial- oder Kulturräume verwandeln und dafür sorgen, dass zentrale Geschäftsviertel nach Feierabend keine Geisterstädte sind. Sind doch spannende Aussichten, oder? Die Expert:innen von Stylus werfen einen Blick in die Zukunft und haben bereits 2022 die Trendstudie "The Consumer of 2040" veröffentlicht. © Stylus

  • Hier seht ihr was, was ihr noch nie gesehen habt...

    ...und das sind Materialinnovationen aus altbekannten Gartenpflanzen oder Alltagsstoffen. Aufgepasst Design- und Architekturbranche, hier kommt die Zukunft. Foto: Fornace Brioni "Fliesen auf Elektromüll" © Snøhetta Text: Janina Temmen Es ist noch gar nicht lange her, da wurden in der Designszene noch Neuheiten gefeiert. Aber new  ist mittlerweile kein Aushängeschild mehr. Wenn internationale Marken ihre Kollektionen erweitern, ist es häufig ein Klassiker im frischen Gewand. So präsentierte Vitra den „TipTon“-Stuhl in einer Recycling-Variante, die „Kartell loves the planet“-Kollektion enthielt ebenfalls Recycling-Re-Editionen. Ein Grund hinzuschauen? In jedem Fall! Denn was sich lange in erster Linie für Forschungsprojekte eignete, kommt jetzt im kommerziellen Bereich an. Ein Erfolg also, wenn die Outdoor-Kollektionen von Houe oder Kettal aus recyceltem Kunststoff gefertigt werden oder Kvadrat und Heymat mit Recycling-Garnen arbeiten. Denn es zeigt, dass nachhaltig die neue Selbstverständlichkeit wird. Und das in einer Branche, die auf Skalierbarkeit und Perfektion getrimmt ist… Die Design-Avantgarde beschäftigt sich unterdessen mit Themen wie circularity  und un-wasting . Immer öfter wird transdisziplinär geforscht (Einblicke z.B. unter futurematerialsbank.com ). Wenn dann Unternehmen wie Adidas, Unilever und Coca Cola engagiert sind, lauert der Vorwurf des greenwashings  hinter der nächsten Ecke. Dabei zeigt es doch eine Erkenntnis: Nur gemeinsam ist diese Aufgabe zu lösen. Bärenklau © Atelier Schaft Bärenklau macht selbst eingefleischten Gärtnern Angst. „Ich sehe Unkraut lieber als wilde Blumen“ trotzt Erik van Schaften. Der niederländische Künstler erforschte über Jahre die Eigenschaften der giftigen Pflanze: Nun stellt er aus dessen Fasern Platten her, die leichtgewichtig, belastbar und sogar isolierend sind. Ideal als Wandverkleidung — und sogar hübsch anzuschauen, wie Eriks‘ neuester Enwurf zeigt: Eine Wanduhr, gemacht aus Bärenklau. atelierschaft.nl  oder futurematerialsbank.com Bio-Polyester   © Bélen Dutch Dubai Curtain Brecht Duif und Lenneke Langenhuijsen verstehen sich als multidisziplinäre Designerinnen. Anlässlich der World Expo in Dubai entwickelten die Amsterdamerinnen zuletzt einen gigantischen Textilvorhang, der aus 100% biologischem PLA-Garn besteht. Das softe, UV-stabile Bio-Textil diente dort als künstlerischer Raumtrenner. Ein Kunstwerk, aber auch ein Hoffnungsschimmer, dass erdölbasiertes Polyester bald der Vergangenheit angehören könnte… burobelen.com Recycling-PET © Michelle Margot Schon seit Jahren fokussiert sich das griechische Architektenpaar Panos Sakkas und Foteini Selaki auf die 3-D-Printer-Produktion von Interiorobjekten. Dafür sammeln sie Plastikmüll, oft in sozialen Projekten wie in ihrer Heimat Thessaloniki. Das dortige Zero Waste Lab gilt als Pilotprojekt. Für die Stadt Amsterdam entwickelten The New Raw Outdoor-PETmöbel, die mit integrierten Hundetrinknäpfen überzeugen und vollständig recycelt werden können.  thenewraw.org Kaffeesatz   © Kaffeeform Der Kaffeehype treibt ungeahnte Blüten: So fertigt Julian Lechner mit seinem Brand Kaffeeform aus den Resten des “schwarzen Goldes“ ästhetische Alltagsprodukte. Sogar den renommierten Red Dot Award gewann der Berliner schon mit seinen Mehrwegbechern aus Kaffeesatz. Das Kaffeemüll sogar in ein Lifestyle-Accessoire verzaubert werden kann, belegt Lechner nun eindrucksvoll mit den Armbanduhren, die er in Kooperation mit Lilienthal Berlin entwarf. Kaffeeform.com Essensreste  © Filippa Wollbeck Das „To-Go“-Prinzip bekam durch die Corona-Pandemie einen ungeahnten Hype. Die schwedische Produktdesignerin Filippa Wollbeck sah ihre Wahlheimat London dadurch im Müll versinken und konterte mit dem Bechersystem „Nomadic Coffee Ceremony“: Es sieht aus wie Keramik, fühlt sich auch so sinnlich an, ist aber ein Materialgemisch aus Eier- und Nussschalen und somit nicht nur besonders nachhaltig, sondern auch leichtgewichtig. Ein Lösungsansatz nach unserem Geschmack. filippawollbeck.com Eierschalen © Nature-Squared Um Eier(-schalen) rankt sich ein generelles Missverständnis: So sind sie keineswegs schwach und zerbrechlich, wie ihr Ruf ihnen voraussagt. Sondern erstaunlich robust und sogar UV-resistent. Kein Wunder, dass sie das Interesse der Materialogin Elaine Yan Ling Ng weckten. Für das Schweizer Unternehmen Nature Squad entwickelte sie nun eine innovative Eierschalen-Komposition, aus der wunderhübsche Fliesen hergestellt werden. Mehr über die „CArrelé Collection“ unter naturesquared.com Knöterich  © Samy Rio Blüht schön, ist robust und hat sogar Heilkräfte: Knöterich ist eine beliebte Gartenstaude. Weil sie zum Wuchern neigt, hat sie aber auch viele Kritiker. „Invasive Pflanzen sollten nicht per sé verdrängt werden“ so Samy Rio. Er fand raus, dass Knöterich eine erstaunliche Pflanze ist, mit der sich sogar ein Möbelverbundstoff fertigen lässt. Als Beleg dafür tourt Rios‘ Tisch-Prototyp „Gardon“ aus Knöterich durch französische Galerien. samyrio.fr E-Waste © Snøhetta Technikschrott ist ein wachsendes Problem, welchem sich gleich drei Designinstitutionen angenommen haben: Snohetta, Studio Plastique und Fornace Brioni forschen innerhalb ihres Projektes "Common Sands – Forite" gemeinsam und entwickelten nun aus Glaselementen von aussortierten Mikrowellen und Backöfen neue Glasfliesen. Ihr Terrazzo-artiger Look macht die Wand- und Bodenbeläge zu stylishen Hinguckern, das Knowhow des italienischen Fliesenherstellers Fornace Brioni sichert ihre erstklassige Qualität. To be continued … snohetta.com ; fornacebrioni.it ; studioplastique.be Hanf, Hafer, Hopfen © Planmaterial Nicht weniger als die Bauwirtschaft revolutionieren wollen Hannes Stuhr, Mika Siponen und Claudius Thaler. Als ersten Schritt in diese Richtung, hat das deutsche Trio hinter Planterial nun eine leichte und vollständig auf nachwachsenden Rohstoffen basierende Hanfplatte entwickelt. Biologisch abbaubar, CO2-negativ, mit pflanzlichen statt erdölbasierten Bindemitteln. Auch mit Hafer, Hopfen und weiteren Nebenerzeugnissen der Landwirtschaft arbeitet Planterial — um damit eine gesunde Zukunft aufzubauen. planterial.com

  • Madame Pragmatisch

    Mit Feinsinn und Gespür für Funktionalität machte sich Inga Sempé vor allem als Leuchten-Designerin einen Namen. Die Interieur-Branche buhlt um die Französin. Doch Inga Sempé hält sich gern bedeckt. Alles, was sie zum Glücksflow braucht: Papier, Stift und eine Runde Tennis. Inga Sempé in ihren Studio © Claire Lavabre © Laura Fiorio Das Interview führte Silke Roth und es erschien erstmals im stilwerk Magazin 01/2021 "Evergreen". stilwerk: Mit was beschäftigen Sie sich momentan, Madame Sempé?   Inga Sempé: Meine neuen Keramikfliesen für den italienischen Hersteller Mutina werden gerade fertig. Mein Team und ich präsentieren sie bald zum ersten Mal. Meist arbeite ich parallel an mehreren Dingen. Vor zehn Monaten haben wir angefangen, für die finnische Traditionsmarke iittala Gläser und Textilien zu kreieren. Ein großes Projekt sind momentan auch meine Pfannen, Töpfe und Küchenutensilien für Revol, das Urgestein der französischen Porzellanherstellung. Das „Pandarine“-Sofa für Hay kam im September heraus und jetzt arbeite ich an einer Bettversion. Nebenbei denke ich auch über eine tragbare Outdoor-Leuchte für die Marke nach. (Anmerkung: Das Interview wurde im Jahr 2021 geführt. Mittlerweile sind einige der Produkte bereits in Serie gegangen.)   stilwerk: Es scheint, dass Sie gut zu tun haben. Ist die aktuelle Lage für Sie vielleicht sogar inspirierend? I.S.: Ich fühle mich nicht anders als sonst. Ich fühle mich nie besonders inspiriert. Das Einzige was mich auf Ideen bringt, ist das Zeichnen. Ich lasse mich nicht von der Muse küssen und arbeite pragmatisch. Aber richtig, ich habe viel zu tun. Doch weil ich über meinem Studio wohn, bin ich kaum eingeschränkt in meiner Arbeit. Natürlich sorge ich mich um mein Land, doch beruflich möchte und kann ich mich nicht beklagen. stilwerk: An was denken Sie beim Zeichnen?    I.S.: Ich denke an das alltägliche Leben. Meine ersten Gedanken sind immer: Wozu wird der Gegenstand benutzt und welche Person verwendet ihn? Ich zeichne und skizziere die meiste Zeit, dadurch wachsen meine Ideen und verbessern sich. Aus Inspirationen entstehen oft nur gefällige Kopien. Aus den Zeichnungen entwickeln meine Assistenten dann erste Modelle und 3D-Animationen.   stilwerk: Welche ihrer Arbeiten spiegelt ihr Design-Verständnis am deutlichsten wider?   I.S.:   Es ist wahrscheinlich die Leuchte „Ile“, die ich für Wästberg designt habe. Ich habe großes Interesse an Leuchten und kleinen Objekten. Dinge, die Funktionalität und Struktur haben und dazu noch einer Lichtmechanik folgen. Ich wollte bei „Ile“ vielseitig sein. Ein Objekt, das man auf einen Tisch stellen, an ein Regal klemmen oder sogar mit einem Nagel an die Wand hängen kann. Alle Funktionen zu vereinen und gleichzeitig einen klaren Lichtkegel zu haben, war eine Herausforderung. Außerdem sollte die Leuchte klein sein, fröhlich aussehen und in möglichst viele Räume passen.   stilwerk: In einem Interview haben Sie einmal erwähnt, dass Licht ihr liebstes Material sei. Stimmt das?   I.S. : Habe ich das so gesagt? Es gibt kein Lieblingsmaterial für mich. Es steckt auch kein tieferer Sinn hinter dieser Aussage. Licht finde ich einfach spannend, weil der menschliche Körper in vielen Designs Grenzen setzt. Bei Leuchten gibt es das nicht. Wenn es um Materialien und Farben geht, wähle ich die aus, die am besten zu meinen Entwürfen passen. Schlechte Qualitäten meide ich grundsätzlich.   stilwerk: Wie stehen Sie zu nachhaltigem Design?   I.S. : Ganz ehrlich, ich tue mich mit dem Begriff schwer. Man will dadurch etwas politisch korrekt ausdrücken, meint aber nichts anderes als langlebige und gute Produkte herzustellen. Der Begriff ist irreführend. Beachtet man Nachhaltigkeit in der Musik oder Malerei? Ich will natürlich Dinge entwerfen, die eine lange Lebenszeit haben und hochwertig produziert sind. Aber diesen Satz hören Sie wahrscheinlich auch von Firmen, die wirklich alles andere als nachhaltig arbeiten. Der Begriff passt eher in die Modewelt. Hier werden von Designern dutzende Kollektionen pro Jahr abverlangt, die sie für große Marken entwerfen sollen. Diese Firmen wollen uns glauben lassen, dass sie jetzt viel umweltfreundlichere Produktionsprozesse haben als noch vor einem Jahr.   stilwerk: Aber Sie könnten doch nachhaltige Materialien in ihrer Arbeit einfließen lassen?   I.H. : Ich gebe hier immer die gleiche Antwort. Wir Designer haben selten Mitspracherecht bei unseren Auftragsarbeiten. Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, bei Materialien etwas zu beeinflussen. Ich meine damit die Art, wie sie verarbeitet und abgebaut werden. Oft fehlen uns die Hintergrundinformationen zu den Ressourcen. Meine Art, nachhaltig zu arbeiten ist, jährlich nur ein paar ausgewählte Objekte und Möbel zu entwerfen. Ebenso nur mit Firmen zusammenzuarbeiten, die Qualität über Quantität stellen.

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